Schlemmen im Chalet

Les Menuires im Belleville-Tal

 
 
 

Schnee und Savoir-vivre : Beim Skiurlaub im französischen Les Menuires kommt zum sportlichen Aspekt stets auch ein kulinarischer hinzu.

Les Menuires – Glück im Unglück, das gibt es wirklich. Gerard Tiggeler hat es erlebt. Vor fast 20 Jahren kam der Niederländer als Tourist in die französischen Alpen und hatte dort einen schweren Skiunfall. In der Röntgenabteilung lernte er seine zukünftige Frau kennen. Seither lebt er in Savoyen, hat mittlerweile drei Kinder und arbeitet bei der Liftgesellschaft Sevabel im Wintersportort Les Menuires. Gerard fährt noch immer Ski wie der Teufel. Braun gebrannt erscheint er im Pistenrestaurant auf dem Mont de la Chambre, wo als Mittagsmahl gefüllte Wachteln empfohlen werden.

„Gott lebt in Frankreich, und er weiß, warum“
Davor gibt es einen Salat mit Savoyer Schinken, danach lauwarmen karamellisierten Obstkuchen mit Eiscreme. „Gott lebt in Frankreich, und er weiß, warum“, sagt Gerard Tiggeler augenzwinkernd. Von der Terrasse des Restaurants aus hat man das Skigebiet „Trois Vallées“ fast komplett im Blick. Das Pistenrevier in den französischen Alpen darf sich als das größte zusammenhängende Skigebiet der Welt bezeichnen, weil es die Täler von Belleville, Méribel und Courchevel lückenlos verbindet und so rund 600 Pistenkilometer bietet – und zwar aller Schwierigkeitsgrade. Breite, baumfreie Abfahrten finden sich ebenso wie rabenschwarze Buckelpisten und jungfräulich weiß gepolsterte Tiefschneeflanken für Freerider. Die Landschaft rundum ist grandios. Wie ein gutmütiger Riese wacht der Montblanc über den gestaffelten Gipfeln rundum. Der höchste Berg der Alpen ist leicht auszumachen.

An seiner Spitze verfangen sich die ziehenden Wolken, die ihm selbst an Tagen mit blankblauem Himmel oft einen Schleier drapieren. Aus so viel Schönheit müsste sich doch etwas machen lassen, dachte sich die französische Regierung bereits, als der Zweite Weltkrieg noch tobte. Die Alpen waren damals ein Armenhaus und Savoyen seine vielleicht elendigste Ecke. Bergbauern lebten hier in archaischer Subsistenzwirtschaft. Die Pläne, diese unwirtliche Bergwelt für den Tourismus zu erschließen, wurden ab 1944 geschmiedet. Les Menuires, am Schnittpunkt der drei Täler gelegen, wurde ab Anfang der 1960er massiv entwickelt. Im Ortsteil La Croisette entstand das, was man zu jener Epoche als zeitgemäße Form der Ferienunterbringung feierte: ein gigantisches Gebäudeensemble aus der Retorte, das wie ein Riegel aus Beton mit der waagrechten Gliederung seiner Fenster- und Balkonreihen in der weiten Weiße thront. Das Symbol des Einzugs von Fortschritt und Urbanität in den Alpen steht noch immer und hat von seiner Kühnheit nichts verloren. So klotzig zu bauen, hieß schließlich auch, eben nicht die ganze Landschaft zu verbauen.

Der Blick aus dem Fenster ist überwältigend
Trotzdem geht man heute geradezu verschämt mit dem Erbe aus der Pionierzeit der touristischen Entwicklung um. Nirgendwo gibt es konkrete Informationen, welche Architekten genau daran mitwirkten. Zu erfahren ist allenfalls, sie seien vom Geist des Bauhaus inspiriert gewesen. Architektur-Führungen gibt es schon gar nicht. Man verweist lieber auf den charmanteren Chaletstil in den anderen Ortsteilen. Die Wahrheit ist jedoch, dass allenfalls die ganz neuen Gebäude als gelungen zu bezeichnen sind, weil sie mit Elementen von Naturstein und Holz die traditionelle Bauweise Savoyens zitieren. Der Blick aus dem Fenster am nächsten Morgen ist in jedem Fall überwältigend.

Und so oder so sind es nur ein paar Schritte bis zum nächsten Lift. Was sich im Deutschen „vom Bett aufs Brett“ nennt, firmiert in Frankreich unter „skis aux pieds“. Will heißen, dass, wenn man den langen Weg nach Savoyen erst einmal absolviert hat, die Wege stets kurz und immer zu Fuß oder auf Brettern zu bewältigen sind. Das steigert die Erholung ungemein und ist auch deshalb sinnvoll, weil in Frankreich zum sportlichen Aspekt des Urlaubs stets auch der kulinarische hinzukommt. Schon mittags schwelgt man in mehrgängigen Menüs. Abends, wenn die Schneekanonen wie Berggeister mit Zuckerwattebärten ihren kalten Hauch auf die Pisten wehen lassen, gehen die Sterne nicht nur am Firmament auf. Zwei Michelin-Sterne hat das Restaurant La Bouitte in St. Martin de Belleville bereits, am dritten arbeiten die Chefs René und Martin Meilleur eifrig.

Der Landeplatz liegt gleich neben dem Restaurant
Am besten vertraut man sich ihnen blind an, legt nur die Anzahl der Gänge fest und setzt auf die „Carte Blanche“. Um die großartigen Kreationen des kongenialen Vater-Sohn Duos zu kosten, fliegen die Superreichen aus Courchevel sogar per Hubschrauber ein. Der Landeplatz liegt gleich neben dem Restaurant – Tradition trifft Moderne. Saint Martin ist ein gewachsenes Dorf mit uralter Savoyer Architektur, aber gleichfalls direkt an die Pisten angebunden. Auf Skiern landet man direkt auf der Terrasse des Hotels St. Martin mit seinem Restaurant de Pays Le Grenier. Auch hier wird wunderbar aufgetischt.

Morgen ist auch noch ein Tag. Das Wetter soll herrlich werden. Und Gerard Tiggeler erklärt noch einmal, wie man stets auf der Sonnenseite des Skifahrerlebens bleibt. Gleich nach dem Frühstück in Les Menuires loslegen, über den Mont de la Chambre hinüber nach Méribel wechseln, von dort hinauf zum Col de la Loze mit seinen Traumpisten, hinunter in den Nobelort Courchevel und dann gemächlich wieder zurück. Macht drei Täler an einem einzigen traumhaften Tag.