Laden...

Fast-First-Lady Anne Sinclair: Das Ende der Welt, qui sait?

An der Seite ihres damaligen Ehemanns, des IWF-Chefs Dominique Strauss-Kahn, wäre die Journalistin Anne Sinclair fast mal die First Lady Frankreichs geworden. Wie sieht sie den Wahlkampf jetzt? Ein Gespräch.

Das Angebot, François Hollandes Kulturministerin zu werden, kam an einem Mittwochvormittag vor einem Jahr. Anne Sinclair stand gerade vor der Kofferausgabe am Flughafen Charles de Gaulle, da hörte sie, wie der Präsident ihr durchs Telefon den Posten der gerade abgedankten Fleur Pellerin anbot. Natürlich sagte Sinclair ab. Weil sie in den verbleibenden siebzehn Monaten von Hollandes Amtszeit nicht mehr viel hätte bewegen können. Vor allem aber, weil sie genug Kraft darauf verwendet hatte, sich aus dem Pariser Politzirkus rauszubewegen und ihre Freiheit, die einer Journalistin, die einer Frau, zurückzugewinnen.

Vor ziemlich genau sechs Jahren wäre Anne Sinclair fast einmal „première dame de France“ geworden, die französische First Lady. Ihr damaliger Ehemann, der IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn, wurde als Favorit der kommenden Präsidentenwahl gehandelt. Umfragen, damals noch halbwegs glaubwürdige Pulsmesser der gesellschaftlichen Stimmung, wiesen ihn als klaren Sieger aus, noch bevor er seine Kandidatur gegen Nicolas Sarkozy überhaupt verkündet hatte. Und Sinclair, seine Ehefrau, die landesweit beliebte und bewunderte Fernsehjournalistin, galt als ideale, endlich ernstzunehmende Nachfolge für Carla Bruni.

Heute besorgter denn je

Man sah sie schon im Élysée-Palast, doch dann kam im Mai 2011 alles anders. Dominique Strauss-Kahn wurde wegen mutmaßlicher Vergewaltigung in New York festgenommen, Sinclair kaufte ihn frei, es war der Beginn der „Sofitel-Affäre“ und für beide das vorzeitige Ende des Wahlkampfs. François Hollande wurde anstelle von „DSK“ ins Rennen geschickt, und zum ersten (und sicher vorerst letzten) „président normal“ der Republik gewählt.

Wenn Anne Sinclair heute über die fünf Jahre Hollande-Regierung und die bald endende Wahlkampagne spricht, dann tut sie es so, als habe das alles sie nie persönlich betroffen. Wenn sie ihr Mitleid mit Kandidatengattinnen wie Penelope Fillon oder Melania Trump bekundet, dann so, als sei sie immer nur die beobachtende Journalistin, nie die beobachtete Ehefrau gewesen. Wir treffen uns, drei Wochen vor der ersten Wahlrunde, an einem sonnigen Nachmittag an der Terrasse des Pavillon de la Reine an der Place des Vosges in Paris, wenige Meter von ihrer Wohnung entfernt. Sie trägt einen weißen Ledermantel, ein schwarzes Hemd zu schwarzer Hose, ihre Haare wie immer zu einem perfekten brushing geföhnt. Im Vergleich zu den Bildern von damals, als sie gebrochen am Arm von Strauss-Kahns Tochter Camille auf den Treppen eines New Yorker Gerichts stand, sieht sie um zehn Jahre verjüngt aus. Dabei, sagt sie, sei sie heute besorgter denn je.

Zwei Jahre Fassungslosigkeit

Um die Welt. Um Frankreich. Damals, 2011, war sie es, die verletzt war, heute ist es das ganze Land. Zumindest suggeriert das der Titel ihres neuen Buches: „Chronique d’une France blessée“ ist ein Tagebuch der vergangenen zwei Jahre, eine Chronik der Veränderung, die nicht, wie man vielleicht annehmen würde, mit „Charlie Hebdo“ beginnt, sondern mit der Griechenland-Krise. „Ist es das Ende einer Welt, wie wir sie kennen?“, fragt Sinclair im ersten Satz – und sucht fast sechshundert Seiten lang nach einer Antwort, indem sie sich die Frage Tag für Tag von neuem stellt.

Sie habe damals, im Juli 2015, das Gefühl gehabt, erzählt Anne Sinclair, dass wir an einem historischen Wendepunkt stehen. Sie habe geahnt, dass unsere Gewissheiten ins Wanken geraten würden: „Wie sehr, das war mir allerdings nicht klar. Kurz nachdem ich mit dem Schreiben begonnen hatte, explodierte die Flüchtlingskrise, kam das Attentat des 13. November, Emmanuel Macrons ,En Marche‘, der Brexit, weitere Attentate, Trumps Sieg und so weiter. Es war verrückt.“ Tatsächlich führen ihre Notizen von damals noch einmal vor Augen, wie oft man in den letzten zwei Jahren fassungslos vor den Nachrichten saß. Vor allem aber auch, wie sehr man sich daran gewöhnt hat, das Undenkbare als denkbar anzunehmen.

Gegraben wird erst, wenn einer nach oben will

Etwa die Tatsache, dass in der französischen Präsidentenwahl, die gerade in den letzten Zügen liegt, mehr als die Hälfte der Kandidaten europakritisch bis -feindlich ist: „Europa ist, zumindest für französische Politiker, zum Sündenbock geworden. Sie sagen: ,Uns geht es schlecht, Europa ist schuld!‘ Und mittlerweile glauben viele Leute das auch, sie denken, der Austritt sei eine Lösung. Und das nach dem Brexit! Das ist ein Wahnsinn!“ Ebenfalls, wenn schon nicht undenkbar, so doch zumindest sehr erstaunlich findet Sinclair den Umgang der Politiker und der Presse mit Marine Le Pen und ihrem Front National: „Mich wundert, mit welcher Selbstverständlichkeit man schon seit Monaten verkündet, dass Marine Le Pen in der zweiten Wahlrunde steht. Als ihr Vater 2002 so weit kam, war das ein politisches Erdbeben, wir, die Journalisten, haben uns alle schwer hinterfragt – wenn auch, das gebe ich zu, ohne Erfolg. Aber heute machen sich linke Kandidaten wie Benoît Hamon und Jean-Luc Mélenchon ja nicht einmal mehr die Mühe, gegen den Front National zu kämpfen. Als hätten sie da schon verloren.“ Stattdessen würden sie sich lieber mit François Fillon, dem bereits angeschlagenen Kandidaten der Républicains duellieren.

Apropos Fillon: In ihrem Buch beschreibt sie ihn als erzkonservativen, spröden, aber zumindest ehrlichen Mann. Wie kann es sein, dass jemand wie sie, die seit Jahrzehnten die Politik aus nächster Nähe beobachtet, so wenig über diesen Mann, der immerhin mal Premierminister war, wusste? Sie nickt, als würde sie sich diese Frage auch stellen. „Erstens war er immer sehr diskret, das ist seine Art. Und zweitens stand er ja bisher nicht an allererster Stelle. Man fängt erst an, wirklich zu graben, wenn einer ganz nach oben will.“

Antritt trotz Anklage

Nicolas Sarkozy soll dem konservativen Fillon einmal gesagt haben, Präsidentschaftskandidat zu sein, das bedeute, nackt auf der Straße herumzulaufen. Hat Fillon diesen Rat unterschätzt, oder ist er einfach ein Beispiel dafür, wie realitätsfremd französische Spitzenpolitiker gerade leben? „Vielleicht beides. Zumindest ist es absolut faszinierend, wie einer, der diesen Posten anstrebt, so unvorsichtig sein kann. Wie kann er sich noch zwei Wochen nach dem Penelope-Skandal Anzüge schenken lassen? Unbegreiflich. Hätte ich auch nur irgendeine Sympathie für ihn gehabt, wäre mein Vertrauen damit zerstört. Nicht weil er getan hat, was er getan hat, sondern weil er die Situation offensichtlich kein bisschen überblickt.“

Andere Franzosen scheint das nicht zu stören. Als Fillon bei seinem letzten „Meeting“ in Paris erklärte, er erwarte nicht, dass man ihn liebe, nur dass man ihn unterstütze, waren da immerhin noch 25.000 Menschen erschienen. Ist das normal, dass er trotz Anklage antreten kann? „Wir haben in Frankreich eine seltsame Tradition, dass Politiker, auch wenn sie abgewählt wurden, auch wenn sie juristisch in der Klemme stecken, trotzdem immer wieder antreten können. Das ist eine Einzigartigkeit, glaube ich. Bei uns wird politisch recycelt.“

Als hätten wir 1957 und er sei de Gaulle

Den einzigen halbwegs frischen Kandidaten im diesjährigen Rennen, Emmanuel Macron, hielt Sinclair ziemlich lange für einen Luftikus. Im Mai 2016 schreibt sie in ihr Tagebuch: „Es bedarf schon einer großen Selbstverliebtheit und viel Sinn fürs Lächerliche, dass dieser moderne, achtunddreißigjährige Mann sich mit einer Heldin des 15. Jahrhunderts vergleicht. Auf diesen Vergleich wäre sonst keiner gekommen!“ Was, abgesehen von diesem tatsächlich etwas verstörenden Selbstvergleich mit Jeanne d’Arc, stört sie an ihm? Seine regelmäßigen Auftritte auf dem Cover des Boulevardmagazins „Paris Match“? Seine Rothschild-Vergangenheit wird es ja nicht sein. „Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich bin froh, dass wir die alte Riege langsam aussortieren, es wird Zeit. Emmanuel Macron ist ein sehr intelligenter und ambitionierter Mann, das war mir von Beginn an klar. Nur dachte ich, sein Erfolg sei eine Blase. Er schien mir zu jung, zu unerfahren, etwas substanzlos.“

Während der Gespräche, die sie mit ihm wie mit den meisten anderen potentiellen Kandidaten (außer Fillon und Mélenchon, die haben abgesagt) für kleine Porträts im Buch führte, wirkte er auf sie, wie solle sie sagen?, „un peu allumé“, ein bisschen verrückt. „Er schaut einen sehr eindringlich an, so ganz wie ein frisch entlassener Klosterschüler, der einen von seiner Mission überzeugen will. Er denkt ja, wir hätten 1957 und er sei Charles de Gaulle.“ Sie mimt ihn nach, kommt einem ganz nah und öffnet weit die Augen – „verstehen Sie, was ich meine?“

Das Format für den Posten

Dass seine Verführungsstrategie bei so vielen Franzosen funktioniert hat (er steht, laut Umfragen, bisher mit Marine Le Pen in der zweiten Wahlrunde – als wir sprachen, war der Schlussspurt von Jean-Luc Mélenchon noch nicht abzusehen), wundert Sinclair allerdings nicht. Das sei zum einen darauf zurückzuführen, dass er tatsächlich großes Talent hat und sehr schnell lernt, schneller als sie dachte. Dann aber auch darauf, dass er unglaubliches Glück gehabt hat, das dürfe man bloß nicht unterschätzen: „Es sind links und rechts von ihm wirklich alle zusammengebrochen, die zusammenbrechen konnten. Der Parti Socialiste ist quasi schon tot …“ – Jean-Luc Mélenchon verpasst ihm derzeit den letzten Schlag – „ … Fillons Image ist stark angekratzt, das ist eine sehr spezielle Situation, auf die er da trifft. Eine politischer Umbruch. Und dann gibt es natürlich derzeit viele Franzosen, die alles über den Haufen werfen wollen, sie wollen etwas Neues.“ Das bekommen sie in extremer Form mit Le Pen und Mélenchon oder eben mit Emmanuel Macron.

Und da sie nicht an einen Sieg von Marine Le Pen glauben mag, gibt Anne Sinclair nun ihre Prognose für das Ergebnis in einem Monat ab: „Emmanuel Macron wird zum Präsidenten gewählt.“ Allerdings, sagt sie lächelnd, habe sie sich in den letzten zwei Jahren sehr oft getäuscht (ihr Buch gibt ihr da recht), von daher: „Qui sait?“ Nehmen wir an, sie habe recht, wäre er ein guter Präsident? „Er ist sehr tatkräftig, er hat viele Ideen und einen großen Willen. Trotzdem bin ich mir noch immer nicht sicher, ob er das Format für den Posten hat.“

Wählen wie bei „The Voice“

Ob François Hollande, der vor fünf Jahren ebenfalls eine recht vorteilhafte, wenn auch nicht ganz so dramatische Situation angetroffen hat, ihrer Meinung nach das Format hatte, möchte man jetzt natürlich auch wissen. Sinclair denkt kurz nach, dann sagt sie entschlossen: „Ja, er hätte es haben können.“ Das heißt, er hat es nicht gehabt? „François Hollande ist für mich ein Mysterium. Es bleibt ein Rätsel, warum dieser Mann, der sehr intelligent ist, ein guter Politiker, dermaßen schlecht abgeschnitten hat. Er ist so unbeliebt, dass er noch nicht einmal zur Wiederwahl angetreten ist. Das hat es in der Geschichte der Fünften Republik noch nie gegeben!“ Manuel Valls habe in einem ihrer Gespräche über seinen Damals-noch-Chef gesagt, Hollande würde es hassen, weh zu tun. Das klingt ziemlich seltsam für einen Präsidenten. War er einfach zu schwach für die komplexe Zeit, in die sein Mandat fiel? „Definitiv. Er wäre in ruhigeren Zeiten ein guter Präsident gewesen. Sein Problem ist, dass er zwar extrem präzise und klarsichtig analysiert, aber unfähig ist, die richtigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Er ist ein großer Verdränger.“

Dass der amtierende Präsident den Wahlkampf und seine „House of Cards“- artige Achterbahnfahrt weitgehend verdrängt, ist bekannt: Während der letzten Fernsehdebatte vor der „primaire de la gauche“ saß François Hollande im Theater und sah seinem Freund Michel Drucker zu – statt seinen Kollegen beim Zweikampf. Vielleicht hat er damit auch recht. Sinclair kommt es derzeit fast so vor, als würde man den Präsidentschaftswahlkampf mit einem neuen Fernsehformat verwechseln: „Ich habe das Gefühl, die Leute wählen heute wie bei ,The Voice‘: Wer am nettesten erscheint, gewinnt. Nur ob ,The Voice‘ in dieser Situation wirklich die besten Kriterien liefert? Ich wage es zu bezweifeln.“

In jedem Fall eine Neuordnung

Das geht den Franzosen offensichtlich genauso. Auch jetzt, eine Woche vor der ersten Wahlrunde, wissen viele noch nicht, wen sie am „nettesten“ finden. Die berühmte „France indécise“ ist eine Realität: „So unsicher wie heute war es noch nie. Gestern fragten mich noch Leute, wen sie wählen sollen. Stellen Sie sich das mal vor, so kurz vor der Wahl haben sie wirklich keine Ahnung.“ Und was sagt Anne Sinclair dann? „Na, wählen Sie, wen sie wollen! Aber gehen Sie wählen!“

Das klingt sehr entspannt. Möchte sie denn nicht von einem Kandidaten, einer Weltsicht überzeugen? „Aber nein! Die Frage, die ich am Anfang meines Buches stelle, ich würde sie mit Ja beantworten: Es ist das Ende der Welt, wie wir sie kennen, wir erleben in jedem Fall eine Neuordnung. Wir sind in einer Übergangsphase. Aber ich bin zuversichtlich: Die neue Welt wird eine gute. Wenn sie dann endlich mal da ist.“