«Ein Kuss von Béatrice»: Von alten Verletzungen und neuem Vertrauen


 
 
 

Von Daniel Rademacher, dpa

Es gibt Dinge, die kann man einfach nicht vergeben. Doch gilt das für immer und alle Ewigkeit? «Ein Kuss von Béatrice» hat Antworten parat – und die sind nicht immer bierernst.

Die beiden Frauen könnten verschiedener kaum sein: Hier die gewissenhafte, stets kontrollierte, aber etwas freudlose Hebamme Claire, auf der anderen Seite die Lebedame Béatrice, immer ein wenig schrill, laut und betont eigenwillig. Béatrice (Catherine Deneuve) ist die einstige Geliebte von Claires (Catherine Frot) inzwischen verstorbenem Vater und taucht von einem Tag auf den anderen wieder auf. Sie hat einen Gehirntumor und möchte reinen Tisch machen. «Ein Kuss von Béatrice» erzählt die Geschichte zweier Frauen am Scheideweg ihres Lebens.

Die Unterschiede zwischen den beiden sind anfangs schier unüberbrückbar. Das wird schon beim Essen deutlich: Die gesundheitsbewusste Claire bestellt Kabeljau mit Bohnen (statt Kartoffeln) und eine Karaffe Wasser, Béatrice dagegen Entrecôte mit Fritten und Mayo, dazu Rotwein – sehr zum Missfallen der Hebamme, die trotz der fatalen Diagnose recht wenig Mitleid zeigt und sagt: «Es ist nie zu spät. Sie werden damit zurechtkommen. Man kommt immer zurecht.» Die Härte ist verständlich: Claire kann der Frau, die Jahre zuvor das Familienglück zerstörte, einfach nicht verzeihen. Warum taucht sie auch ausgerechnet jetzt auf, wo Claire doch genug eigene Probleme hat?

So ernst bleibt es aber nicht immer. Regisseur Martin Provost («Séraphine») hat eine Tragikomödie in Form eines Doppelporträts geschaffen. Es ist die Geschichte zweier Frauen, die sich Stück für Stück näherkommen, die Verletzungen der Vergangenheit hinter sich lassen und ein neues Vertrauensverhältnis aufbauen.

Dabei zeigt er ganz bewusst auch die Schwächen seiner Charaktere und lässt die unterschiedlichen Welten, in denen sie leben, aufeinanderprallen – was einerseits sehr komische Momente hervorbringt, aber auch viel Vorhersehbares.

Nicht nur die krebskranke Béatrice hat mit Problemen zu kämpfen, auch Claire steht vor einigen Herausforderungen: Die Station, auf der sie als Hebamme seit Jahren mit großem Engagement arbeitet, wird geschlossen. Sie soll in einer neuen Geburtsklinik anfangen, die so etwas ist wie eine Baby-Fabrik mit Tausenden Geburten pro Jahr und wo Effizienz dank moderner Technik mehr zählt als jahrelange Berufserfahrung. Dann ist da noch ihr Sohn, der Vater wird und sein Medizinstudium schmeißen will, um Geburtshelfer zu werden wie seine Mutter. Die stellt ernüchtert fest: «Ich muss etwas falsch gemacht haben.»

Mehr und mehr lässt Claire die anfangs verabscheute Béatrice an solchen Problemen teilhaben. Die beiden beginnen, sich gegenseitig zu beraten, kichern albern zusammen und entwickeln ein enges Vertrauensverhältnis. Einmal sitzen sie sogar gemeinsam im Pyjama vor der Leinwand und schauen alte Dias von Claires Vater an und schwelgen heulend in Erinnerungen.

Catherine Deneuve (73) gibt in ihrer unvergleichlichen Art die Béatrice, die im Leben schon so manches Herz gebrochen hat und trotz der niederschmetternden Krebsdiagnose die Lust am Leben nicht verliert. Ihre Filmpartnerin Frot (61) hingegen überzeugt in der Rolle der überkorrekten Claire, der es erst durch das Verzeihen gelingt, sich selbst ein Stück weit zu befreien.

Die Idee von Regisseur Provost für die Hebammen-Geschichte hat übrigens einen persönlichen Hintergrund, wie er in einem Interview des Verleihs erzählt: «Ich wurde bei der Geburt von einer Hebamme gerettet. Sie gab mir ihr Blut und schenkte mir dadurch das Leben», wird er zitiert. Später habe er die Frau nicht mehr ausfindig machen können und ihr und ihren Kolleginnen diesen Film widmen wollen.