Im Schneckentempo durch die Champagne

Wir zuckeln über französische Landstraßen, schalten das Navi aus und hören „Momo“. Wenn man den Fuß vom Gas nimmt, bekommt das Reisen im Auto etwas Meditatives.

„Wann sind wir da?“ Die alte Frage, von hinten, mit belegter Kinderstimme, aufrichtig interessiert. Dabei sind wir erst vor einer knappen Stunde losgefahren und haben eben den morgendlichen Rhein überquert. Kein Gewässer, ein kompaktes Nebelband unter der Autobahnbrücke, und jetzt erst illuminiert eine aufgehende Sonne die bleiernen Wolkenbänke vor uns. Ihre gefilterten Strahlen haben wohl die Mädchen wachgekitzelt.

Sofern der Hyperloop in eine leuchtende Zukunft nicht stecken bleibt, werden sie dereinst mit nostalgischen Gefühlen auf diese Tour zurückblicken. Der Urlaub mit dem Auto ist die letzte Fahrt mit der Postkutsche, der letzte Aufstieg der Montgolfiere, die letzte fahrplanmäßige Dampflokomotive. Unsere Kindeskinder werden in ihren elektrifiziert und autonom vor sich hinsurrenden Fahrzeugen hocken und, weil es sonst nichts zu tun geben wird, die bizarre Vergangenheit wieder aufleben lassen. Denk nur, die Eltern lenkten ihr Automobil noch nach eigenem Gutdünken durch die Weltgeschichte! Und haben die Wirrköpfe nicht verflüssigte und raffinierte Reste fossiler Wälder in den Tank gluckern lassen? Sie wussten’s ja nicht besser!

Der Tag ist frisch, der Weg noch weit. Wann wir da sind? „Knallfrosch“, rede ich dumm daher, „wir sind schon längst da. Du liegst in der Bretagne im Bett und schläfst und träumst gerade, dass wir eben losgefahren wären, weil dir das Fahren so viel Spaß macht!“

Uns Eltern macht es jedenfalls große Freude. Nicht von A nach B in der Stadt, aber von A nach Z, denn wir reisen gerne mit dem Auto. Jawohl, in einem dieser „Stinker“ mit dummem Verbrennungsmotor vorne und bösem Auspuff hinten dran. Nichts Großes, ein Kombi mit zwei Litern Hubraum, Benziner, Kompressor.

Wobei ich natürlich keine Ahnung habe, was ein Kompressor eigentlich macht. Angeblich hilft er dem schweren Schiff ein wenig auf die Sprünge, wenn’s brenzlig wird. Was auf deutschen Autobahnen nicht selten ist. Sobald wir Frankreich erreichen, wo die Geschwindigkeit begrenzt ist, geht es jedenfalls deutlich entspannter zu.

Wie riecht das hier eigentlich?

Hinter Verdun verlassen wir die Autoroute. Wir wollen unterwegs eine gute Zeit haben. Mit Betonung auf „gute“, nicht auf Zeit. Landstraßen, schrieb John Berger einmal, seien hierfür besonders geeignet. Sie folgten den ganz alten Wegen, begleiteten Flüsse und schmiegten sich an die Topografie, die zu früheren Zeiten noch echte Hindernisse darstellten. Diese Straßen führten weniger an spezifische Orte als mitten hinein in die Geschichte.

In Lothringen scheint das eine kriegerische zu sein. Die Straße windet sich nicht. Pfeilgerade auf und ab schaukelt sie stoisch verschwundenen Frontlinien zu, als lägen sie noch immer jenseits des Horizonts. Die Ereignislosigkeit der Landschaft hat etwas Versehrtes. Unterbrochen wird sie nur von verschlafenen Weilern. Boulangerie, Patisserie, Pharmacie, Kirche, Kriegerdenkmal, Kreisverkehr und wieder raus auf einen Ozean aus Weiden und Soldatenfriedhöfen.

Für Kreisel erfinden wir einen Jingle, ohne den nicht ausgefahren werden darf. Wird mal vergessen, die Melodie zu summen, kreiseln wir eben weiter. Überholmanöver anderer Leute werden nach Sicherheit und Eleganz bewertet, Motorradfahrer bekommen die beste Note. Möglich auch, dass wir irgendwo in der Champagne endlos hinter einem Trecker hergondeln. Geschenkte Zeit, sich diesen Trecker mal genauer anzuschauen. Hey, hat er nicht Trauben geladen? Dringt da nicht der modrige Duft von Most durch die spaltbreit geöffneten Fenster? Oder war das Gülle? Wie riecht das hier überhaupt?

Der Weg ist der Weg. Fertig

So schnurren wir in gebotener Gemächlichkeit dahin und tun nichts, was über die pure Wahrnehmung hinausginge. Fahrerin und Beifahrer meditieren mit Blick auf Straße oder Karte, die Mädchen blättern in ihren Büchern oder schauen versonnen nach draußen. Vorbeiwischende Wörter wie rappel, sauf oder Crousticrac werden erbeutet und gewürdigt wie seltene Insekten. Pinkelpausen zu ausgedehnten Expeditionen in die Botanik genutzt, Pferde gestreichelt, Wespen verscheucht.

Als Zwischenziel stellen wir Paris in Aussicht, aber die Stadt ist noch fern. Diese Ferne will erarbeitet werden. Entgegen der gängigen Floskel ist der Weg keineswegs das Ziel. Der Weg ist der Weg, fertig. Da muss man durch und da kommt man auch durch. Auf der Fähre in Genua, im Café in Valencia oder an der bretonischen Küste weiß man dann wenigstens, wo man ist – und wie weit weg von zuhause. Entfernung will erfahren werden, sonst ist es keine Entfernung mehr. Es geht darum, in der Champagne zu sein statt sie nur zu durchqueren.



Über AdriaMediaGroup:

Seit 1999 bilden Online-Magazine das Fundament unseres Unternehmens. Dank unser regelmäßigen Markt- und Zielgruppenanalysen kennen wir unsere Leserinnen und Leser sehr gut und wissen genau, was diese von unseren Magazinen erwarten. Mit renommierten Nachrichtenagenturen wie dpa und AFP ergänzen wir die uns zur Verfügung stehenden Informationsquellen aus Politik und Wirtschaft. Stetig entwickeln wir unsere Magazine weiter und kreieren immer wieder neue Online-Magazine, die speziell auf das entsprechende Marktumfeld angepasst sind. Ob das kleine Nischenmagazin, ein Wirtschaftsjournal im Internet oder ein Tageszeitung im Internet. Mit über 45 Millionen Seitenaufrufen pro Monat (quelle: PIWIK September 2016), zeigt sich dass unsere aktuellen Magazine vom Publikum sehr gut angenommen werden. In den 17 Jahren unserer verlegerischen Tätigkeit mussten wir uns bis heute weder einem Abmahnverfahren stellen noch jemals einen Widerruf veröffentlichen. Entgegen anderer Verlage basiert unsere Berichterstattung auf seriöser Recherche und reinen Fakten. Wir sehen in grundsolider Berichterstattung auch heute noch die Zukunft unserer Arbeit.

Die AdriaMediaGroup ist seit 1999 auf dem internationalen Markt tätig. Derzeit publiziert die ADMG auf dem deutschsprachigen Markt über 80 Online-Magazinen aus unterschiedlichsten Themenbereichen. Alle Zeitschriften werden von unserem eigenem Redaktionsteam regelmässig aktualisiert.